Midori Hirano – Otonoma

Midori Hirano – Otonoma

Midori Hirano gehört zu jenen leisen, aber konsequenten Stimmen der Gegenwartsmusik, die sich jeder schnellen Kategorisierung entziehen – Pianistin, Komponistin, Klangarchitektin, und doch vor allem eine Beobachterin des Zwischenraums. Entsprechend folgerichtig auch der Titel ihres neuen Albums Otonoma. Der Titel spielt auf das japanische „oto“ für Klang und „ma“ für Zwischenraum/Abstand an; sinngemäß also „der Raum zwischen den Klängen“ oder auch „ein Raum aus Klängen“. Das Ergebnis ist Musik von seltener Klarheit, in der sich akustisches Klavier, elektronische Schwebungen und fein vibrierende Texturen ästhetisch verschmelzen, um allmählich eine harmonische, strukturelle Einheit zu bilden. Gerade darin liegt der Reiz: Hirano verwechselt Reduktion nie mit Verarmung, sondern gewinnt aus dem Zurückgenommenen jene Spannung, die sonst eher in gut gebauten Sätzen Verwendung findet, als in atmosphärischen Klanglandschaften. Otonoma wirkt wie ein stilles Plädoyer für Aufmerksamkeit, für das Hören als geistige Disziplin sowie ästhetisches Vergnügen.

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Set zum Freitag #433 – Bambi

Set zum Freitag #433 – Bambi
Bild: © Tim Mossholder

Die in Paris lebende Künstlerin Bambi hat für Patterns of Perception einen feinfühligen sowie fabelhaft kuratieren Mix kreiert. Das Resultat ist keineswegs eine wahllose Aneinanderreihung von Tracks, sondern eine dramaturgische wie kohärente Erzählung – harmonisch, präzise und doch voller atmender Übergänge. Basierend auf mannigfaltigen Facetten der elektronischen Musik, die Bambi in den letzten Monaten umtrieben, entfaltet sich ein Klanggebilde, das leise beginnt, tastend voranschreitet, um sich dann allmählich in voller Intensität zu entfalten.

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La Herida – Dead In Devil’s Paradise

La Herida – Dead In Devil's Paradise

Das Duo La Herida, bestehend aus Eugenio Acrartep und Lorenzo Setti, legt mit Dead In Devil’s Paradise ein Werk vor, das so obskur wie dramatisch ist. Die elf Stücke auf dem Album wirken wie ein dunkles Drama das zwischen Klangexperiment und Emotionsexzess oszilliert. Aus dem Lärm der urbanen Gegenwart lösen sich verzerrte Alltagsgeräusche, werden fragmentiert, gedehnt und neu zusammengesetzt, bis sie zu fiebrigen Halluzinationen mutieren, während rasende Rhythmen flirrenden Dissonanzen gegenüberstehen. Ein Album wie ein Fiebertraum, aus dem es kein Erwachen gibt.

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Set zum Freitag #432 – Rosillon

Set zum Freitag #432 – Rosillon
Bild: © Landiva Weber

Der in Rotterdam beheimatete Klangkünstler Rosillon entwirft für The Observatory ein akustisches Erlebnis, das weniger einem Mix als einer atmosphärischen Erzählung gleicht. Von den ersten Takten an manifestiert sich eine Klangwelt, in der experimentelle Strukturen, Sprachfragmente und verfremdete Feldaufnahmen zu einem schwebenden Geflecht aus Mystik und Obskurität verschmelzen. Diese Kunst des klanglichen Gestaltens, präzise und zugleich intuitiv, offenbart sich in einer Schönheit, die sich der Effekthascherei entzieht. Das Resultat ist gleichermaßen subtil wie von einer dichten Intensität geprägt.

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Joachim Spieth – Vestige

Joachim Spieth – Vestige

Mit Vestige setzt Joachim Spieth seine feinfühlige Auseinandersetzung mit räumlichem Klang und texturierter Tiefe geschickt fort. Basierend auf einer dichten sowie atmosphärischen Klangästhetik kreiert Joachim Spieth Kompositionen von schwereloser Intensität. Werke die sich allmählich entfalten und sowohl weite Hallräume als auch mikroskopische Frequenzverschiebungen in sich tragen. Dabei durchzieht das Album eine subtile, unruhige Energie und verleiht den Stücken einen leicht obskuren Charakter, der sich zwischen kontemplativer Stille und geheimnisvoller Irritation manifestiert.

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Set zum Freitag #431 – 5RVZ

Set zum Freitag #431 – 5RVZ
Bild: © Inga Seliverstova

In seinem neuesten Mix für Patterns of Perception entwirft der in London geborene und heute in Amsterdam lebende DJ und Produzent 5RVZ eine eigenwillige Clubästhetik, weit abseits aller ausgetretenen Pfade. Ausgehend von Techno, IDM und Drum & Bass formt er eine langsame, dunkle Strömung, in der Genres nicht wechseln, sondern wie Mineralienschichten ineinander verschmelzen. Immer wieder tauchen dabei schemenhafte Motive auf – unveröffentlichte Skizzen, selbst produzierte Texturen, melodische Halluzinationen – die sich dem Gedächtnis direkt wieder entziehen, als wären sie nur im Halbschlaf wahrgenommen worden. Auf diese Weise entsteht ein stiller, unterirdischer Strom, der sich jeder dramaturgischen Erlösung verweigert und stattdessen jene seltene Spannung erzeugt, die unweigerlich in ihren Bann zieht.

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Ness – Chromadelia

Ness – Chromadelia

Andrea Deplano, auch unter seinem Pseudonym Ness bekannt, legt mit Chromadelia eine EP vor, die den Reifegrad eines Künstlers zeigt, der sein Klangideal über Jahre hinweg präzisiert hat. Seit rund zwei Jahrzehnten arbeitet der italienische Produzent an der Verdichtung seines Sounds, der hier in einer Form von Techno mündet, die gleichermaßen funktional wie introspektiv wirkt. Aus improvisierten Skizzen entstehen sorgfältig gefügte Strukturen, in denen kontrollierter Zufall zum Ausgangspunkt einer bewussten Gestaltung wird. Der Minimalismus dieser Stücke versteht sich weniger als Stilentscheidung denn als Haltung – als Vertrauen in die Ausdruckskraft des Reduzierten. Die vier Tracks kreisen um einen klar gezeichneten, metallischen Puls, der physische Bewegung und gedankliche Konzentration zugleich anregt. Chromadelia dokumentiert einen Prozess des Feinschliffs, in dem klangliche Präzision nicht zur Einschränkung, sondern zur Bedingung künstlerischer Freiheit wird.

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