
Das britische Duo Martyn Riley und Beth Robertson, auch unter dem gemeinsamen Pseudonym Tokoro Wohnen bekannt, nähert sich auf der jüngsten Veröffentlichung Bing Industries in vier feinfühligen Werken den architektonischen Phantomen der britischen Schwerindustrie. Im Epizentrum der Inspiration stehen die Shale Bings von West Lothian – jene monumentalen, weit aufragenden Abraumhalden, die als steinerne Zeugen der einst florierenden schottischen Schieferölindustrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Landschaft überdauern. Wo einst rauchende Schlote den Fortschritt der Moderne verkündeten, transformiert das Duo die industrielle Melancholie nun in eine faszinierende, beinahe sakrale Klangästhetik. Es gelingt ihnen das Kunststück, den rauen, schweren Geist der Vergangenheit in eine feingliedrige, elektronische Textur zu übersetzen, die emotional und intellektuell beansprucht. Dabei verzichtet Bing Industries auf jegliche industrielle Brachialität und entfaltet stattdessen eine unerwartet subtile wie ebenso fragile musikalische Ästhetik, die eine nahezu geisterhafte Präsenz heraufbeschwört.